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Licht und Dunkel

Kapitel Eins



Only available in German!

Magisa verließ das Haus. Es war kurz nach halb acht, die Morgenluft war frisch und klar. Der Sommer ging zu Ende, der Herbst kam. Doch ganz ließ sich die Sonne noch nicht vertreiben, die Luft war zwar frisch, aber es lag noch immer ein Rest Wärme in ihr. Die Blätter begannen sich zu verfärben, zeigten sich in den schönsten Farben. Einige säumten schon Magisas Schulweg. Wenn sie darüber ging, raschelten und knirschten sie unter ihren Füßen. Die Sonne ging gerade auf. Das Mädchen trug noch seine Sommerjacke, fror jedoch nicht. Außerdem war ihr Schulweg nicht lang, sie brauchte zu Fuß nur knapp eine viertel Stunde. Magisa begann zu pfeifen. Sie hatte gute Laune. Heute war sie schon einen Augenblick vor dem Weckerklingeln hellwach gewesen. Dadurch fiel die morgendliche Müdigkeit und Trägheit weg und sie hatte sich in aller Ruhe fertig machen können. Zudem hatte ihre Schwester heute später Unterricht, also gab es auch den sonst üblichen morgendlichen Kampf ums Bad nicht. Das hatte Magisas Laune noch mehr gehoben. Und dann sah der Tag schon beim Sonnenaufgang so gut aus. Keine Wolke am Himmel, die Luft so rein, schöner konnte ein Tag nicht beginnen. Der Vormittag erstreckte sich heute auch nicht besonders lang vor ihr. Sie hatte schon nach der fünften Stunde Schluss und konnte gelassen nach Hause gehen. Den Nachmittag wollte sie mit ihren Freundinnen verbringen, Shopping war angesagt. Magisa lächelte vor sich. So ließ es sich leben.

Fast war ihr der Weg zu kurz gewesen, so schön war der beginnende Tag. Magisa passierte das große Schultor, durch das sich schon eine Menge an Schülern drängte. Auf dem direkten Weg zur Schule wurden es immer mehr Jugendliche, Magisa war umringt von Stimmen, die sich guten Morgen wünschten und nach Hausaufgaben und anderen Dingen fragten. Plötzlich tippte ihr jemand auf die rechte Schulter. Sie drehte sich um. Vor ihr stand ihre Freundin Sarah. Sie grinste breit und meinte gut gelaunt: „Morgen, Magisa! Wie geht's dir?“

Gemeinsam gingen die beiden Mädchen auf das Schulgebäude zu. Sie unterhielten sich über das jeweilige Befinden, über das gestrige TV-Highlight und über den folgenden Nachmittagsshoppingausflug. Sie scherzten und waren schon bald im Klassenzimmer angekommen. Dort warteten bereits die anderen Freundinnen und nun sprach man zu fünft über die Nachmittagsaktivitäten. Es wurde abgesprochen, wann man in welches Geschäft gehen wollte, was jede einzelne brauchte und wie viel man denn von seinen Eltern an Geldmitteln bekommen hatte.

Mina, die beste Freundin von Sarah, wandte sich an Magisa und fragte: „Wie viel hast du denn von deinen Eltern bekommen? Oder sind sie wieder so geizig gewesen?“

Magisa seufzte zur Antwort und ihre Freundinnen wussten schon, was jetzt folgen würde. Dennoch sagte sie: „Ich hab sie eine Woche lang angebettelt. Ich hab ihnen Bilder aus der Modezeitschrift gezeigt, die du mir geliehen hattest, Sarah“, sie blickte die Angesprochene an, „doch sie wollten die Notwendigkeit nicht sehen, mit der ich diese Hose brauche.“, sie seufzte wieder. „Ich werd's nach der Schule nochmal probieren. Mein letztes Argument haben sie noch nicht gehört. Und das wird sie überzeugen, 100%ig! „ Magisa schaute grimmig in die Runde.

Lara strich sich ihre blonden Locken aus dem Gesicht und meinte: „Du meinst Trick 18, das Argument mit dem Schwestervergleich?“

Magisa nickte. In diesem Augenblick betrat die Klassenlehrerin den Raum und verbannte alle Schüler auf ihren Platz und ordnete Ruhe an.

Der Vormittag ging vorüber, ohne dass irgendwas Aufregendes passierte. In einer Pause hatten die Mädchen noch mal über den Nachmittag gesprochen und Magisa hatte ihren Plan erklärt. Ihr schwerstes und wichtigstes Argument war der Vergleich mit ihrer Schwester. An diesem Punkt konnte sie ihre Eltern immer kriegen. Ihnen war es wichtig, dass keines ihrer Kinder bevorzugt oder benachteiligt wurde. Würde Magisa also davon anfangen, dass sie ja das Gefühl hätte, ihre Schwester würde immer mehr Geld bekommen als sie und sie würde sich diskriminiert fühlen - dieses Wort wirkte wahre Wunder bei ihren Eltern - so würden die beiden ihr sicher Geld für den Ausflug geben. Das war Magisas Hauptwaffe. Sie wirkte immer. Und das war sicher nicht ungerecht ihrer Schwester gegenüber. Sie machte dasselbe. So funktionierte alles aus der Sicht der Mädchen und die Eltern waren wieder mit sich im Reinen, wenn sie, wie sie ja glaubten, die Ungerechtigkeiten zwischen ihren Kindern erneut ausgemerzt hatten.

Magisa verließ die Schule also mit dem sicheren Glauben, noch Geld für den Nachmittag zu bekommen. Tatsächlich sollte sich der Trick 18 wieder beweisen.

Zu Hause angekommen flitzte Magisa sofort die Treppe hoch in ihr Zimmer. Sie schmiss ihre Schultasche in eine Ecke und fiel über ihren Kleiderschrank her. Schon den ganzen Vormittag in der Schule hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, was sie anziehen könnte. Ihre Freundinnen und sie hatten schon Debatten darüber geführt, was jede von ihnen anziehen wollte. Daran würde sich auch gehalten werden. Denn dass zwei Mädchen das Gleiche trugen, das war undenkbar. Ein Ding der Unmöglichkeit. Magisa hatte nun also die Qual der Wahl, denn bis jetzt war ihr noch keine Idee gekommen, was sie denn tragen könnte.

Nach einer Stunde und einer Menge Kleidungsstücken auf dem Boden, hatte Magisa dann endlich eine gute, passende Kombination gefunden. Überglücklich begutachtete sie sich im Spiegel. Sie trug eine dicke, wollene, schwarze Strumpfhose, darüber einen beigefarbenen Rock. Als Oberteil trug sie einen schwarzen Wollpullover, mit großen Maschen, durch die man hindurchsehen konnte. Als Sichtschutz hatte sie darunter ein beiges, enges T-Shirt an. So gefiel sie sich. Dezente Farben, doch vom Schnitt her ein wenig ausgefallen. Sie kicherte. Das hatte sie wirklich gut gemacht, sonst war ihr Outfit nicht so schön abgestimmt. Jetzt galt es nur noch ihre Eltern zu überreden, ihr das Geld für die lebenswichtige Hose zu geben. Es war eine Jeans, mit einer ganz bestimmten Form. Diese war momentan sehr in und sah richtig cool aus. Magisa musste so eine Hose einfach haben. Alle ihre Freundinnen hatten schon längst eine, wenn sie sich nicht bald eine kaufte, würde sie den Trend noch verpassen!

Magisa ging langsam und so lautlos, wie sie nur konnte, die Treppe hinunter. Ihre Mutter war in der Küche. Leise näherte sie sich dieser. Ein paar Augenblicke beobachtete sie ihre Mutter, dann meinte sie: „Mama?“ und wartete ab.

„Mmh?“, kam die Antwort, ohne, dass sich Magisas Mutter umdrehte.

„Hör mal, ich wollt nochmal wegen dem Geld für die Hose fragen...“, Magisa ließ den Satz beabsichtig unbeendet im Raum stehen.

„Hatten wir das nicht schon geklärt?“ Ihre Mutter hatte sich noch immer nicht umgedreht und hantierte weiter mit irgendwelchen Küchengeräten.

„Schon, aber ich hab nochmal drüber nachgedacht und irgendwie... fühl ich mich ein bisschen ungerecht behandelt gegenüber Lydia.“ Nun war es draußen, sie hatte die Bombe hochgehen lassen.

Mit einem Mal blickte ihre Mutter sich um und musterte ihre Jüngste genau. „Wie meinst du das, Schatz?“ Sofort wandte sie Magisa wieder den Rücken zu.

„Nun ja, Lydia kann sich immer alle Klamotten kaufen, damit sie auch ja schick aussieht in ihrer Schule. Nur weil ich noch in der Unterstufe bin, kann ich schlecht gekleidet sein, oder wie? Das find ich nicht fair. Und es ist ja auch nur eine Hose. Es ist ja nicht mal viel, was ich möchte und wenn man sieht, wie wenig ich im Vergleich mit Lydia so bekomme. Ich bin ja auch eigentlich ganz zufrieden, aber diese Hose möchte ich so gerne haben und meine Noten waren so gut in letzter Zeit. Findest du es da nicht auch etwas diskriminierend, wenn ich jetzt nicht mal eine Hose bekomme? Außerdem wird es bald Winter und-", da unterbrach Magisas Mutter sie: „Ok, ich verstehe dich! Ist gut.“ Sie ging zu ihrem Regal, nahm ihr Portemonnaie und gab Magisa zwei Scheine. „Reicht das?“, fragte sie und zog eine Augenbraue hoch. Mehr wollte sie nicht geben, auch nicht nach dieser Rede von ihrer Tochter. Magisas Augen leuchteten auf. Mehr wollte sie gar nicht, das war sogar mehr, als sie brauchte. Sie nickte eifrig, nahm das Geld, umarmte ihre Mutter und beteuerte ihr, wie gut diese Entscheidung doch gewesen war und wie lieb sie sie doch hatte.

„Ist ja gut, ist ja gut!“, wehrte ihre Mutter die Beteuerungen ab und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

Magisa beeilte sich, in ihr Zimmer zu kommen. Mit dem Geld konnte sie sogar noch in Ruhe mit den Mädchen etwas Essen gehen. Das gefiel ihr sehr. Sie warf noch einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel, fuhr sich ein letztes Mal mit den Fingern durch das Haar und ging dann wieder aus ihrem Zimmer, die Treppe hinunter und zog sich Jacke und Schuhe an. Sie nahm ihre Schlüssel, eine Handtasche, stopfte alles Nötige hinein und verließ mit einem „Ciao“ an ihre Mutter das Haus. Sie war etwas spät dran und ging schnellen Schrittes zur U-Bahnstation. Sie hatte es nicht weit in die Innenstadt, nur fünf Stationen und sie war da.

Der Tag versprach wirklich immer besser zu werden. In der Bahn hatte sie ein gutaussehender Mann angelächelt und ihr dann auch noch, als er die Bahn verlassen hatte, zugezwinkert. Das freute Magisa sehr. Schließlich kam so was nicht oft vor. Sie hatte nicht unbedingt ein schlechtes Selbstvertrauen, besonders gut war es jedoch auch nicht. Lara, ja, ihr Selbstvertrauen konnte man als gut bezeichnen, sehr gut. Dennoch empfand Magisa das nicht als negativ. Denn Lara konnte sich das schließlich leisten. Sie sah verdammt gut aus, hatte eine schöne Figur, alles war da, wo es hingehörte und in der genau richtigen „Menge“. Dazu kamen noch die blauen Augen und die langen, blonden Locken. Magisa fand Lara hübsch. Wobei sie keine ihrer Freundinnen hässlich fand. Und sich selbst auch nicht. Sie war nur nicht so auffällig hübsch wie Lara. Sie hatte grüne Augen und braune, mittellange Haare. Ihr Gesicht war ganz ansehnlich, ihre Haut war glatt, nicht von der Pubertät gezeichnet, wofür sie von vielen ihrer Freundinnen beneidet wurde, alles passte proportional zueinander. Ihre Figur war schon auch ganz ok, wobei Magisa fand, etwas mehr Oberweite würde ihr mit ihren 16, bald 17 Jahren nicht schaden. Allerdings konnte sie daran nichts ändern, so gab sie sich mit dem zufrieden, was sie hatte. Und im Großen und Ganzen war sie ja auch glücklich und im Einklang mit sich selbst.

Fast hätte Magisa ihre Haltestation verpasst. Noch rechtzeitig bemerkte sie es und sprang aus der Bahn. Die Haltestelle war im Zentrum der Stadt und nicht weit vom Treffpunkt mit ihren Freundinnen entfernt. Lara und Mina standen dort auch schon. Sie entdeckten Magisa und winkten ihr zu. Diese winkte zurück und musste lächeln vor lauter Vorfreude auf den Nachmittag. Sie beeilte sich, zu den beiden zu kommen und wartete dort auf die anderen.





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