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Gesellschaftsfähig

1. Geschichte: Menschen



Only available in German!

Ich sitze auf meiner Bank. Nun ja, genau genommen ist es nicht meine Bank, sie ist niemandes Bank. Aber das spielt keine so große Rolle, denke ich. Schließlich komme ich seit zehn Jahren hierher und sitze auf dieser Bank. Jeden Tag sitze ich hier und füttere die Tauben. Die Leute denken irrtümlicherweise, ich würde die Tauben für Enten halten und mich an einem See glauben. Für diese Menschen, die vorüber gehen und von denen ich nebenbei diese und solche Gesprächsfetzen auffange, sehen in mir nur das alte Mütterchen. Was sollten sie auch anderes denken? Sie gehen vorüber ohne zu fragen, manche starren nur ein wenig, andere pöbeln mich auch mal an. Ich schaue sie dann nur an und lächle. Nicht, weil ich gemerkt habe, dass es sie am effektivsten verjagt. Nein. Ich lächle, weil ich denke, dass ein Lächeln die Welt doch ein bisschen schöner macht. Scheinbar bin ich heutzutage doch die Einzige, die noch so denkt. Denn meist lächelt niemand zurück. Sie gehen einfach weiter, als sei nichts gewesen. Mir macht es nichts. Solange ich nur weiter sitzen und die Tauben füttern kann ist alles in Ordnung. Und natürlich, solange ich weiter die Menschen beobachten kann. Darum sitze ich hier auch eigentlich seit zehn Jahren. Die Tauben finden auch ohne mich etwas zu essen. Aber die Menschen kann ich von hier aus besser beobachten als von meiner kleinen Wohnung, die dazu noch im dritten Stock liegt. Meine Augen sind schon nicht mehr die Besten, so etwas kriegen sie dann sicher nicht mehr hin. Außerdem tut mir die frische Luft gut. Zumindest sagt das mein Arzt immer. Ein netter Kerl.

Ich betrachte die Leute weiter. Da rennt ein gestresster Busniss Mann (oder wie die auch heißen mögen) vorbei, dort eine Gruppe Jugendlicher. Jeder von den bestimmt sieben Jungen hält mindestens eine Flasche in den Händen. Sicher ist es Alkohol. Sie sehen noch etwas zu jung aus, für das, was sie da mit sich herumschleppen. Schade eigentlich. Sie könnten sich sicher auch anders amüsieren. Oder vielleicht doch nicht.

Ich betrachte den Geschäftsmann weiter. Ich bemerke das Unvermeidbare vor allen anderen Beteiligten. Da er zu stark mit seinen vielen Akten beschäftigt ist, schaut der gute Mann nicht auf und sieht auch die Jugendlichen direkt auf seinem Kurs nicht. Und denen fällt es nicht ein auch nur einen Schritt zur Seite zu gehen. So rennt der arme Kerl schnurstracks in die Gruppe. Die Jungen bleiben allesamt heil, doch dem Mann fällt sein Aktenköfferchen aus den Händen und die Blätter, mit denen er eben noch so beschäftigt war, folgen ihm. Ich höre ihn ein gehetztes „Entschuldigung“ murmeln, dann bückt er sich und versucht alles in Windeseile wieder in Ordnung zu bringen. Da fangen die Jugendlichen laut an herumzugröhlen und beleidigen den auf dem Boden hockenden Mann. Ich kann nicht mehr länger zuschauen und stehe langsam auf. Es fällt mir so schon recht schwer. Ich hebe ein paar Blätter, die weiter weg geflattert sind, auf und reiche sie dem Mann, der gerade wieder aufstehen will. Er schaut mich überrascht an und als ich ihm seine Blätter lächelnd und die grölenden Kinder ignorierend reiche, lächelt er doch tatsächlich tiefst dankbar zurück. Währenddessen ziehen die Krawallmacher weiter und der Mann bedankt sich artig und hastet weiter. Ich setze mich wieder auf meine Bank und füttere meine Täubchen weiter. Der Mann hatte doch ein sehr hübsches, klares Lächeln, er sollte öfter davon Gebrauch machen. Vielleicht ist er einfach im falschen Beruf. Denn ein Beruf, der einem ein so schönes Lächeln nimmt, kann nicht der richtige für einen sein. Mich bekümmert dieser junge Mann, der sicher nicht älter als 35 sein konnte, sehr. Ich hoffe, er wird seinen richtigen Weg noch finden. Ob er wohl eine Freundin hat? Hoffentlich rackert der Arme sich nicht für sie so ab, weil sie so viel Geld verschlingt. Ich schüttele traurig den Kopf. Ich werde für dich beten, mein Junge. Aber ich denke, er wird seinen Weg schon machen. Er sah nicht besonders dumm aus, er wird schon noch merken was gut ist und was nicht.

Mein Taubenfutter geht mir aus, also stehe ich auf und gehe heim. An meinem Futter messe ich jeden Tag die Zeit, die ich auf meiner Bank verbringe. Da ich immer ungefähr die gleiche Menge nehme, ändert sich an der Zeit nichts. Nur wann ich gehe ist unterschiedlich. Auch wenn das Gehen merklich schwieriger wird.



Am nächsten Tag sitze ich wieder auf meiner Bank. Die Sonne scheint fröhlich auf unsere Welt herunter. Doch die Gesichter, in die ich blicke, sind nicht so fröhlich. Die arme Sonne, da strengt sie sich so an. Nun ja, ich tue ihr gern den Gefallen und lächle glücklich vor mich hin. Mit einem Male bemerke ich einen Schatten neben mir und eine etwas zu hohe Stimme fragt mich: „Haben Sie mal Feuer?“

Ich blickte auf. Eine junge Frau steht vor mir. Der Rock gerade diesen einen Tick zu kurz, das Top gerade diesen einen Tick zu eng und die Oberweite mehr als nur einen Tick nach oben gepuscht. Sie sieht schon fast ein bisschen lächerlich aus, wäre da nicht dieser verhärmte Gesichtsausdruck, der mich stutzig macht. Und da bemerke ich den Kinderwagen neben ihr. Das Kind darin schläft ruhig.

„Also? Haben Sie nun?“ Ihre Stimme klingt ungeduldig und gereizt. Ich frage mich wieso, denn ich sehe keinen Grund für eine solche Eile.

Ich lächele sie an und schüttele den Kopf.

„Tut mir leid, da ich nicht rauche, hab ich auch kein Feuerzeug bei mir. Und für Sie wäre es sicher auch besser. So etwas schadet doch nur. Später werden Sie's bereuen. Glauben sie mir, meine Liebe.“

„Ja, ja!“ Sie lässt sich seufzend auf den Platz neben mir fallen. Nebenbei schaukelt sie etwas am Kinderwagen.

„Was ist es denn? Junge oder Mädchen?“ frage ich neugierig. Ich liebe Babys.

„Ein Mädchen.“ Sie schaukelt etwas doller. Als dann ein Gurgeln und Brabbeln und anfängliches Schreien aus dem Wagen kommt, hört sie schnell damit auf und beruhigt das Kind, damit es weiterschläft.

„Sie hat heute Nacht so schlecht geschlafen, sie muss es jetzt nachholen.“ Bei diesen Worten sehe ich plötzlich ein unheimlich warmes Lächeln auf dem Gesicht der Frau. Es erstaunt mich sehr und ich kann mir die Frage nicht verkneifen: „Sie schauen so unglücklich aus. Was macht Ihrem jungem Leben so eine Sorge?“ Ich glaube nicht, dass es das Kind ist, denn dafür schaut sie es zu liebevoll an. Und ich habe Recht. Die Frau, die Martha heißt, liebt ihr Kind über alles und könnte sich ein Leben ohne es gar nicht vorstellen, doch den Vater hasst sie dafür umso mehr. Er schlägt sie, einmal hätte er sogar fast das Kind geschlagen. Er trinkt und ist immer schlecht gelaunt. Sie hat das Leben mit ihm satt, aber sie hat Angst, was geschieht, wenn sie ihn verlässt. Vor ihn selbst hat sie keine Angst, er ist zu ein großer Schwachmaat um sie danach noch zu bedrohen oder etwas in der Art. Nein, sie hat Angst davor, es nicht zu schaffen. Mit dem Kind und allem.

Ich höre mir ihre Geschichte an. Lasse sie reden ohne sie zu unterbrechen, sowas braucht der Mensch auch mal. Als sie dann geendet hat, meine ich nur: „Ich sehe, dass Sie Ihr Kind lieben. Sie werden es schaffen, mit oder ohne Hilfe. Aber Sie werden Hilfe kriegen. Gehen sie doch in ein Frauenhaus, oder wie das heißt. Dort gibt es auch welche, die sich um alleinerziehende Mütter kümmern. Sie brauchen keine Angst zu haben.“ Ich lächle sie zuversichtlich an.

Verunsichert fragt sie: „Sind Sie sich sicher?"

Ich nicke nur. Da stiehlt sich ihr wieder so ein warmes Lächeln auf das Gesicht.

„Ich kenne sie zwar nicht, aber Sie sind so nett und freundlich. Vielleicht sollte ich Ihren Rat beherzigen. Vielleicht sollte ich das wirklich tun.“ Sie steht auf und nimmt den Kinderwagen.

„Ich danke Ihnen sehr, machen Sie's gut!“ Mit diesen Worten verabschiedet sie sich und geht. Ich winke ihr zum Abschied. Bestimmt wird sie es tun, davon bin ich überzeugt. Sie hat nur jemanden gebraucht, der sie darauf bringt. Auch sie wird ihren Weg gehen. Ich habe es in ihren Augen gesehen.

Das Taubenfutter ist schon seit einiger Zeit leer, ich habe es gar nicht gemerkt. Langsam stehe ich auf, sehr langsam. Schneller geht es nicht mehr, es ist fast schon schlimmer als gestern. In den nächsten Tagen werde ich wohl meinem lieben Arzt wieder einen Besuch abstatten müssen. Vielleicht schon übermorgen. Wir werden sehen. Ich mache mich auf den Nachhauseweg. Es ist schwieriger als vorher.



Und wieder sitze ich auf der Bank. Das Laufen ist schlimmer geworden, morgen werde ich zum Arzt müssen. Dann werden meine Tauben wohl einen Tag ohne mich auskommen müssen.

Wieder scheint die Sonne und die Leute wirken etwas fröhlicher. Vielleicht muss die Sonne nur länger bleiben, damit sie eine Wirkung hat. Ich schmunzle in mich hinein. Dann merke ich, dass sich jemand neben mich gesetzt hat. Ich blicke zur Seite und sehe ein kleines Mädchen, vielleicht 5 oder 6 Jahre alt. Die Kleine hat schokoladenbraune Haut, schwarze Löckchen und wunderhübsche schwarze Augen, die mich neugierig mustern.

„Hallo!“ sage ich und lächle wieder.

„Hallo Großmutter!“ kommt von der Kleinen unschuldig zurück. Sie spricht weiter: „Sag Großmutter, was machst du da?“ Sie zeigt auf die Tauben zu meinen Füßen.

„Ich füttere meine Täubchen.“ erkläre ich ihr.

„Sind das wirklich deine?“ fragt sie erstaunt.

Ich schüttele die Kopf und lache leise. „Nein, nein. Ich nenne sie nur so, weil ich sie schon seit 10 Jahren füttere.“ Das Mädchen macht große Augen.

„Jeden Tag?!“

„Jeden Tag.“ antworte ich nickend.

„Dann haben sie dich bestimmt ganz doll lieb, ne?“

„Oh, ich weiss nicht. Vielleicht. Zumindest mögen sie mein Futter.“ Ich lache wieder.

„Darf ich auch mal?“ fragt die Kleine fast schüchtern.

„Natürlich! Halt deine Hand auf damit ich dir etwas geben kann.“

Sie macht, was ich ihr gesagt habe und ich gebe ihr etwas von meiner Körnermischung. Mit großer Begeisterung wirft sie diese den Vögeln vor, die es wie alles andere aufpicken. Das Lachen der Kleinen klingt wie Musik in meinen Ohren. Ich freue mich mit ihr.

Nach einiger Zeit ist das Futter wieder leer. Eine Frau kommt auf uns zu. Ihre Haut, Augen und ihr Haar waren genauso dunkel, wie die von dem kleinen Mädchen, dass sich inzwischen als Mary vorgestellt hat. Die Kleine springt von der Bank auf und läuft der Frau entgegen.

„Mami, Mami! Schau mal! Ich habe Großmutters Täubchen gefüttert!“ ruft die Kleine ausgelassen. Ich muss lachen bei diesen Worten.

Marys Mutter kommt auf mich zu und begrüßt mich. Wir plaudern noch ein bisschen. Es sind zwei nette Menschen, ich mag besonders die Wärme in ihren Augen.

Irgendwann müssen sie dann gehen. Mary fragt mich noch: „Darf ich morgen wiederkommen und mit dir die Tauben füttern, Großmutter?“

„Aber natürlich. Die Tauben freuen sich und ich mich auch. Hilfst du mir auf, Kleines? Ich will jetzt auch gehen.“ entgegne ich. Mit Freuden hilft sie mir, auch wenn es trotzdem schwierig ist. Ich hoffe, ich schaffe den Nachhauseweg. Mary will morgen auch ihre Mutter wieder mitbringen. Ich nicke dieser zu und winke den Beiden zum Abschied und nehme mir vor, morgen nicht gleich zum Arzt zu gehen, sondern erst zu den Tauben. Ich möchte die Kleine und ihre warmherzige Mutter gerne wiedersehen.

Der Weg Heim ist sehr anstrengend. Immer wieder muss ich stehen bleiben und Luft holen. Morgen muss ich früher losgehen, damit ich nicht allzu spät ankomme.



Am nächsten Tag kommt Mary um die gleiche Uhrzeit zu der Bank in der belebten Innenstadt an der Hand ihrer Mutter. Die beiden denken sich nichts dabei, dass die alte Frau noch nicht da ist und setzen sich auf die Bank. Sie warten einige Zeit und Mary bekommt zwischendurch ein Eis. Als die Frau nach drei Stunden noch immer nicht kommt, machen die beiden sich Sorgen. Sie gehen nach Hause.

Den Tag darauf wartet Mary allein auf ihr Großmütterchen und als ihre Mutter sie später abholen kommt, trifft sie ihre Tochter wieder allein an.

Nach Tagen der Sorge und der Ungewissheit, erfährt die Mutter vom Tod der alten Frau. Sie ist entsetzt und sehr traurig und weiss nicht wie sie es ihrer Tochter erzählen soll.

Einen Tag später geht sie mit Mary zu der Bank. Sie nimmt sogar Taubenfutter mit.

„Mama? Warum kommt Großmütterchen nicht mehr?“ will Mary wissen.

Ihre Mutter seufzt und versucht ihrer Tochter die traurige Sache schonend zu erklären: „Großmutter wird nie mehr kommen. Sie ist jetzt da oben,“ sie zeigt nach oben in den Himmel, „bei all ihren Täubchen.“

Marys Augen strahlen. „Oh, da ist sie bestimmt ganz froh! Aber wer soll denn die Täubchen hier unten füttern?“

„Das machen wir jetzt für sie, ja?“ Ihre Mutter lächelt Mary an. Die Kleine nickt begeistert.



Seitdem sitze ich am Platz von meinem Großmütterchen und füttere die Täubchen. Mittlerweile bin ich, Mary, das kleine, süße Mädchen von damals, 25 und studiere. Heute noch denke ich gerne an die alte Frau von damals. Es kommen sogar manchmal Menschen vorbei, die nach ihr fragen. Das erstaunt mich und macht mich glücklich, denn ich sehe in ihren Augen, dass sie die alte Frau nie vergessen werden. So wird sie weiterleben und meine Trauer über ihren Verlust ist nicht mehr so groß.


Ende




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